Bis 2050 produzieren wir klimaneutrales, rezyklierbares Baumaterial

8 Juli 2020
Interview vom 5. Juli 2020 aus der Beilage "Zukunft Bauen" der NZZ am Sonntag

Nick Traber, CEO von Holcim Schweiz und Italien, hat sich zum Ziel gesetzt, sein Geschäft entlang der ganzen
Wertschöpfungskette konsequent zu digitalisieren und klimaneutral zu gestalten. Dafür brauche es eine klare
Roadmap, kompetente Mitarbeiter und eine Portion Risikobereitschaft.

 
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Nick Traber, CEO Holcim Schweiz und Italien

Die Digitalisierung verändert herkömmliche Praktiken radikal. Wie reagieren Sie und Ihre Firma auf diese Entwicklung, um «Gamechanger» in der Schweizer Baubranche zu sein?

Nick Traber: Indem wir Worten Taten folgen lassen. Das ist für mich ein wichtiges Kriterium für einen Gamechanger. Zudem wollen wir in den Schlüsselbereichen ein «First Mover» sein. Dabei geht es um die drei Megatrends Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Urbanisierung. Als Gamechanger treiben wir Innovationen in diesen Bereichen voran und suchen Lösungen, um aktuellen Herausforderungen wie der Ressourcenknappheit oder dem Klimaschutz wirkungsvoll zu begegnen.

Denken Sie da an bestimmte Beispiele? 
Aus heutiger Sicht spielt das Thema Recycling eine grosse Rolle – bei uns und bei den Kunden. Wer heute nachhaltig bauen will, wählt Baustoffe, die eine lange Lebensdauer haben, rezyklierbar sind und eine tiefe CO2-Bilanz aufweisen. Das erreichen wir, indem wir CO2 entlang der gesamten Wertschöpfungskette reduzieren, die Baustoffkreisläufe schliessen und dazu beitragen, Baustoffe effizienter einzusetzen. Mit der Entwicklung unseres neusten Produkts, des ressourcenschonenden und klimaneutralen Betons EvopactZERO, haben wir einen weiteren Schritt in diese Richtung gemacht. Bei der Digitalisierung setzen wir ebenfalls entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf neue Schlüsseltechnologien. Hier stehen für uns nicht nur die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Kreislaufwirtschaft, die Qualitätssicherung und die Arbeitssicherheit im Vordergrund. Die Digitalisierung hilft uns, die Prozesse besser zu kontrollieren, und bietet die Chance für neue Geschäftsmodelle und Anwendungen.

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Plattform «HolcimNow»: Sie ermöglicht industriellen Kunden, Zementbestellungen
jederzeit digital aufzugeben und in Echtzeit zu verfolgen.

Ergeben sich daraus weitere Handlungsfelder?
Dank der Digitalisierung verbessern wir die Interaktion mit den Kunden – die Customer Experience – ebenso wie die Abläufe auf der Baustelle und die Supply Chain. Beispiele dafür sind der BIM Model Checker und der Holcim-Konfigurator, der Kunden bei der Auswahl des optimalen Produktmixes berät. Oder auch die digitale Plattform «HolcimNow», die industriellen Kunden ermöglicht, Zementbestellungen jederzeit digital aufzugeben, den Fortschritt ihrer Lieferungen in Echtzeit zu verfolgen und nachträgliche Anpassungen vorzunehmen.

Welche Attribute zeichnen Sie persönlich als Gamechanger aus?
Ein Gamechanger braucht immer eine gewisse Risikobereitschaft, um die Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Zudem ist für uns die Fokussierung auf den Kunden enorm wichtig. Ich muss genau wissen und verstehen, was die Herausforderungen auf der Kundenseite sind. Daraus gilt es, neue Lösungen und 

Geschäftsmodelle abzuleiten. Unter erücksichtigung der Corona-bedingten Abstandsregeln auf den Baustellen haben wir zum Beispiel vermehrt selbstverdichtenden Beton verwendet, damit nicht vier Personen um die Betonpumpe herumstehen mussten. Auch die Antizipation der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Baumaterialien ist für mich ein Merkmal eines Gamechangers. Als CEO muss ich nicht nur eine Kultur schaffen, in der Innovationen möglich sind, sondern auch die Kompetenzen dafür sicherstellen. Wir brauchen beispielsweise Leute, die mit Artificial Intelligence arbeiten können, und andere, die etwas von Nachhaltigkeit verstehen. 

Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Holcim?
Innovation und Nachhaltigkeit sind bei Holcim Teil der DNA. Bereits seit Anfang der 2000er-Jahre haben wir dazu eine Roadmap. Bis 2050 wollen wir klimaneutrales und vollständig rezyklierbares Baumaterial produzieren und die Stoffkreisläufe komplett schliessen. Damit spielen wir eine Schlüsselrolle im Übergang zur Kreislaufwirtschaft und leisten einen massgeblichen Beitrag an eine nachhaltig gebaute Zukunft. Und wir wollen unser Geschäft vom Steinbruch bis zum Endkunden vollständig digital abwickeln.

Wie wollen Sie das schaffen?
Ganz wichtig sind die Mitarbeitenden. 
Viele von ihnen sind schon sehr lange bei uns tätig, kennen die Firmenkultur und haben ein enormes Wissen und grosse Erfahrung im Umgang mit unseren Schlüsselthemen. Diese Leute müssen wir pflegen und weiterentwickeln. Gleichzeitig müssen wir aber auch in der Lage sein, komplementäres Know-how von aussen zu holen und in die Firma zu integrieren. Meine Aufgabe als CEO ist es, eine Kultur zu schaffen, in der die Mitarbeiter sich trauen, etwas zu versuchen und auch Fehler zu machen. Und das in einer Branche, in der es keine Fehlertoleranz gibt, denn ein Bauwerk muss stabil und sicher sein.

Welche Massnahmen greifen bei der Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft?
Beim Recycling- und Entsorgungsgeschäft sind wir schon sehr gut aufgestellt. Wir verwerten beispielsweise in der Zementproduktion sehr viel Plastik und reduzieren so den Einsatz von traditionellen Brennstoffen. Aber auch Biomasse wie Klärschlamm und Abfallholz verwenden wir wieder und schliessen so den Kreislauf. Auf diese Weise decken wir heute mehr als 50 Prozent unseres thermischen Energiebedarfs mit Abfallstoffen ab. Und wir investieren jedes Jahr in neue Technologien, um noch mehr solcher Stoffe zu entsorgen. Zudem verwerten wir pro Jahr etwa 200000 Tonnen mineralische Abfälle und sparen so der Schweiz alle fünf Jahre eine Deponie. Nicht vergessen darf man die Logistik: Jahr für Jahr produziert und vertreibt Holcim 2,5 Millionen Tonnen Zement. Gut 40 Prozent davon wird mit mehr als 400 Eisenbahnwagen auf der Schiene transportiert, was rund 98 Prozent CO2 im Vergleich zum Strassentransport einspart. Wie wichtig ist die Biodiversität für Holcim Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Holcim trägt viel dazu bei, die Biodiversität zu erhalten und zu fördern. Eingriffe in die Natur sind zeitlich begrenzt, und viele ehemalige Abbaugebiete von Holcim besitzen heute sogar den Status eines Naturschutzgebietes und sind wichtige Lebensräume für heimische Tiere und Pflanzen. In jedem Werk beschäftigen sich Umweltverantwortliche mit der Biodiversität und Renaturierung. Wir haben in den letzten rund fünf Jahren etwa 800000 Quadratmeter Land renaturiert und rekultiviert – das sind etwa 16 Fussballfelder pro Jahr.

Inwieweit hat die Digitalisierung schon die Baustelle erreicht?
Baustellenplanung für Lieferungen 
und Verrechnungen laufen heute grösstenteils online. Auch die Kommunikation mit Baustellen und Baufirmen erfolgt digital über «holcimpartner.ch». Industrielle Kunden können mit der Plattform «HolcimNow» überprüfen, wo sich die Lieferung aktuell befindet und welchen Status sie hat. Uns ist es zusätzlich möglich, allfällige Probleme zu erkennen und Beschwerden zu bearbeiten. Auch der Verlad funktioniert online – die Fahrer scannen einen QR-Code und wissen sofort, welches Silo sie ansteuern müssen. Mit der Plattform «Savanna» digitalisieren wir die Interaktion mit den Lieferanten – von der Schulung für die Arbeitssicherheit bis zur Rechnungsstellung. Ziel ist, alles in einem System abwickeln zu können, damit es möglichst wenige Schnittstellen gibt. 

Wo liegen da die Herausforderungen?
Kulturwandel, stabile Rahmenbedingungen und Interaktion aller Stakeholder sind drei Stichworte. Etwa im Verkauf müssen wir die Kunden von unseren Recyclingprodukten überzeugen. Klimaneutralität erreichen wir nur, wenn alle mitmachen und auch bereit sind, lokal einzukaufen und allenfalls etwas mehr zu bezahlen. Die öffentliche Hand spielt da eine wichtige Rolle, weil sie einer der grössten Endkunden ist. Und wir müssen uns bei aller Innovationskraft auf gute und stabile Rahmenbedingungen verlassen können. 

Wie wichtig sind in Ihrem Unternehmen Ökosysteme und neue Plattformen?

Die sind sehr zentral bei uns. Die ganze interne Kommunikation erfolgt zum Beispiel, wenn man so will, in einem eigenen, digitalen Ökosystem, in dem man alles findet, von der Weiterbildung über die Mitarbeiterbefragung bis zur Spesenabrechnung. Aber auch die erwähnten Plattformen «HolcimNow», «holcimpartner.ch» und «Savanna» sind Ökosysteme. Die Verwertung von Abfällen geschieht ebenfalls in einem eigenen Ökosystem, in dem Innovationen angestossen werden, die wir dann weltweit in der ganzen Gruppe verwenden können. Kreislaufwirtschaft ist für uns nicht nur ein Bekenntnis zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen – sie macht unsere Prozesse auch wirtschaftlicher. Deshalb investieren wir laufend in Massnahmen, mit denen wir Stoffkreisläufe schliessen.

 
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Um unsere ehrgeizige Nachhaltigkeits-Vision zu erreichen, berücksichtigen wir die gesamte Wertschöpfungskette des Bauens. Wie wir CO2 entlang der Wertschöpfungskette reduzieren, Baustoffkreisläufe schliessen und dazu beitragen, Baustoffe effizienter einzusetzen, zeigen wir an konkreten Beispielen: