Im Einklang mit der Natur
Im Gespräch mit Prof. Werner Sobek, Architekt und Ingenieur
Meine Häuser können einen Tag stehen oder hundert Jahre. Wichtig ist einzig und allein, dass sie mit Anstand von der Erde verschwinden können.
Werner Sobek, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Werner Sobek AG, berichtet im
Gespräch mit Christine Dietrich und Martin Ebert von seinen Erfahrungen mit Leichtbau und
Zirkularität. Er nennt auch mögliche Strategien, die dabei helfen sollen, der Klimakrise zu
begegnen.
Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen, um mit uns zu sprechen.
Wir würden gerne erfahren, was Sie als Gestalter antreibt, unsere Welt voranzubringen.
Was sind Ihre Ideen für eine bessere Zukunft?
In den USA würde man jetzt wohl sagen: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Was zählt in der Zukunft? Wie können wir uns am besten darauf vorbereiten? Über meine Ideen für eine bessere Zukunft sprechen wir sicher noch im weiteren Verlauf des Gesprächs. Vorab nur so viel zu meiner Motivation: Ich möchte als Architekt, Ingenieur und Wissenschaftler dazu beitragen, die Welt kommenden Generationen in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als wir sie heute vorfinden.
Was kam zuerst: Architekt oder Bauingenieur?
Eigentlich wollte ich Bühnenbildner werden. In der Zeit nach der ersten Ölkrise gab es dafür aber so gut wie keine interessanten beruflichen Perspektiven. Das Ingenieurstudium war eine unsichere Entscheidung. Bereits nach sechs Wochen war mir klar: In diesem Studium lernt man nur zu analysieren, lernt man, was die Dinge zusammenhält. Dass man eigentlich das Vorgegebene, das als suboptimal Erkannte, anders konzipieren, anders gestalten müsste, das lernte man offensichtlich nicht.
Ich habe deshalb begonnen, Architekturvorlesungen zu besuchen. Da lernte man eher das Synthetisieren, das Entwerfen. Weniger das ingenieurwissenschaftliche Analysieren. Also habe ich beides kombiniert. Ich begann fortan, mein Wissen so zu entwickeln und zusammenzustellen, wie ich es für sinnvoll hielt.
Haben Sie auch beide Studien offiziell abgeschlossen?
Ich habe nur das Bauingenieurstudium abgeschlossen, weil ich da promovieren wollte. Im Architekturstudium war ich sehr selektiv: Ich habe nur jene Entwürfe gemacht, Seminare und Vorlesungen besucht, die mich wirklich interessierten – wobei ich das grosse Glück hatte, bei akademischen Lehrern von Weltrang lernen zu dürfen. Dazu zählten Frei Otto und Jürgen Joedicke, bei dem ich eine grosse Arbeit zum Begriff der organischen Architektur angefertigt habe. Bei den Ingenieuren waren Jörg Schaich und Klaus Linkwitz meine wichtigen Lehrer. Ich begann alsbald, mich für das Gestalten mit Stoff zu interessieren. Also besuchte ich Vorlesungen über Textiltechnik. Wenn ich mit Stoff arbeiten wollte, musste ich wissen, welche Qualitäten und Arten von Stoffen, Geweben, Gewirken und Gelegen es gibt. Welches Material kann man wie nähen, welches muss man schweissen oder kleben? All dies wollte ich mir im Studium erschliessen.
In diesem Kontext bin ich auch auf Frei Otto gestossen. Er hielt keine Vorlesungen an unserer Universität. Um etwas zu lernen, musste ich also an seinem Institut arbeiten. Als studentische Hilfskraft. Ergo habe ich das gemacht.
Gab es Vorbilder, an denen Sie sich orientiert haben?
Ich habe mich nicht an Vorbildern orientiert. Mein Weg war mein eigener Beschluss und mein eigener Antrieb.
Tun Sie das bis heute: Dinge anders angehen als andere?
Anders sein um des Anders-sein-Wollens? Nein. Mir geht es um das Verstehen. Ich will die Dinge verstehen.
Beim Leichtbau beispielsweise sind gekrümmte Flächen und gekrümmte Linien das A und O. Wenn man diese beherrschen will, musst man sich mit Differenzialgeometrie auskennen. Also musste ich mich intensiv damit befassen. Den Leichtbau, wie ich ihn seit vielen Jahren praktiziere, musste ich mir als Lerninhalt selbst zusammenstellen, aus Elementen des Flugzeugbaus, des Karosseriedesigns und des Gestaltens mit Stoff, aber auch durch das Erlernen der Methoden der mathematischen Optimierung. Leichtbau im Bauwesen wurde damals nicht an der Universität gelehrt.
Wie verhalten sich Leichtbau und Effizienz zur Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit und Leichtbau sind eng miteinander verbunden, bedingen sich aber nicht zwangsläufig. Der Begriff der Effizienz fiel früher höchstens im Sinne von: je leichter, desto besser. Meistens haben wir von Optimierung gesprochen, von der Minimierung des Materialverbrauchs.
Woher kam die Motivation, die Dinge besser, effizienter, leichter zu machen? Ist das etwas
typisch Schwäbisches? Sich so intensiv damit zu beschäftigen, hat ja auch eine moralische
Dimension.
Aber ja. Ich bin davon überzeugt, dass dies – auch wenn ich es nicht als Historiker, Soziologe oder Ethnologe erforscht habe – mit der jahrhundertelangen Armut in meiner Heimat zu tun hat. Ich bin in der Ostalb aufgewachsen, und da hiess es: Man wirft nichts weg, um was es sich auch handeln möge. Entsprechend sahen die Keller aus: Sammelsurien von alten Schraubenziehern, Büchsen und Sonstigem, was man nicht auf den Komposthaufen werfen konnte. Dieser vorsichtige Umgang mit den Dingen resultierte aus einer durch Armut geprägten Sparsamkeit in der gesamten Region.
Ein zweites Momentum kommt hinzu: Im Schwäbischen herrscht eine Art «argumentatio ex negativo», also das Argumentieren aus der Negativposition heraus. Dazu gehört ein permanentes Herumnörgeln – sei es an der Arbeit anderer oder der eigenen – mit dem Tenor, dass nie etwas gut genug ist.
Nicht gemeckert ist genug gelobt.
Korrekt. Aber im Umkehrschluss ist dies natürlich auch ein Optimierungskonzept. Man kritisiert so lange an etwas herum, bis auch noch die kleinste Schwachstelle identifiziert und behoben ist. Und dann gibt es noch ein drittes schwäbisches Moment: den Pietismus. Der Pietismus sieht es – auf eine allzu einfache Formel gebracht – als gottgefällig an, fleissig und genügsam zu sein. Bildung spielt in diesem Milieu eine sehr grosse Rolle. Wenn Sie genau hinschauen, fällt auf: Die Blütezeit des Pietismus war zugleich eine Blütezeit der Intellektuellen im Land. Im heutigen Baden-Württemberg gab es Hegel, Mörike, Schiller – sie alle stammten entweder direkt aus Pfarrhäusern, hatten Pfarrer in der Verwandtschaft oder waren, wie Schiller, eng an diese Erziehungsmuster gebunden: Hausmusik, häusliche Lesungen, ein unglaublicher Bildungsstand. Abgesehen von diesen sicher auch bei mir durchscheinenden Prägungen durch Landschaft und Kultur: Der Leichtbau ist das Schwierigste, das man in diesem wissenschaftsbezogenen Bereich des Bauwesens machen kann. Denn die Geometrien sind hochkomplex, an die verwendeten Baustoffe werden höchste Anforderungen gestellt, die Berechnungen sind typischerweise nichtlinear und vieles mehr. Interessanterweise ist das grösste Problem im Leichtbau nicht, dass ein Gebäude in sich zusammenstürzen könnte. Die Hauptgefahr besteht vielmehr darin, dass das Gebäude wegfliegen könnte, weil es so leicht ist.
Ich habe mir damals als Student gesagt: Wenn ich den Leichtbau beherrsche, dann ist alles andere eine triviale Untermenge. Und genau auf diesen Weg habe ich mich dann gemacht.
Kam so der Kontakt zur Arena in Nîmes?
Die Überdachung der römischen Arena in Nîmes durfte ich 1987 mit Finn Geipel und Nicolas Michelin planen – das war mein erstes grosses und zugleich internationales Projekt. Finn Geipel sagte, er stünde kurz vor einem Auftrag in Südfrankreich. Ein grosses Dach in Form eines Luftkissens. Das ganze 60 mal 90 Meter ohne Stützen. Er fragte bei meinem akademischen Lehrer Jörg Schlaich an, der wiederum auf mich verwies, da er wusste, dass ich mich mit Stoffen und pneumatischen Konstruktionen auskannte. So wurde dies mein erstes Projekt, damals als Mitarbeiter im Büro Schlaich Bergermann.
Haben Nachhaltigkeitsgedanken eine Rolle gespielt?
Nein, diese Fragen spielten damals im Bauwesen noch keine Rolle. Viel wichtiger waren für uns die herausfordernden Rahmenbedingungen.
Das Projekt wurde in englischer Sprache bearbeitet, auf der Basis von französischen Normen, von einem deutschen Planer, mit ausführenden Firmen aus Frankreich, Italien, Deutschland und Thailand. Wir waren Anfänger. Und im Büro von Jörg Schlaich konnte mir niemand helfen, weil keiner über Kompetenzen im Bauen mit Stoff oder pneumatischen Konstruktionen verfügte.
Wie sind Sie vorgegangen? Haben Sie sich mit Textilspezialisten unterhalten?
Ja, unter anderen. Die kannte ich teilweise schon aus meiner Doktorandenzeit. Damals habe ich mich mit pneumatischen Strukturen und Betonschalen beschäftigt. Ich bin damals zu sogenannten Konfektionären gegangen. Konfektionäre kaufen Stoffe ein, die auf einem Zuschneidetisch in Formen geschnitten und anschliessend mit Industrienähmaschinen oder Hochfrequenzschweissmaschinen zu einer Fläche zusammengesetzt werden.
Ich musste das alles beherrschen, wenn ich das Projekt in Nîmes verantworten sollte. Also musste ich alles lernen, was zur Folge hatte, dass ich schliesslich selbst an der Industrienähmaschine sass. So habe ich gelernt, wie man mit einer 2-Nadel-Steppstich-Nähmaschine um die Kurve fährt.
Sie haben es physisch erprobt?
Richtig. Für mich war klar, dass ich wissen muss, was man mit einer Nähmaschine machen kann – und was nicht. Nur so lässt sich das Potenzial einer Naht maximal ausschöpfen. Das war der
Hintergrund.
Gab es auch Fehlversuche? Es hatte ja vorher noch niemand so ein Dach gebaut.
Ja. Uns war schnell klar, dass wir für dieses Gebilde einen Windkanalversuch machen mussten. Nur so konnten wir wissen, wie hoch die Windbelastung dieser grossen, stützenfrei überspannten Fläche von 90 mal 60 Meter ist, die wir in die Arena bauen wollten. Das Eigengewicht der luftgefüllten Kissenkonstruktion betrug weniger als vier Kilogramm pro Quadratmeter. Das Dach war extrem leicht.
Ich nahm Kontakt zum Institut für Aerodynamik auf. Günter Schwarz, der Leiter der Gebäude-Aerodynamik, nahm mich unter seine Fittiche. Vielleicht auch, weil es ihm Spass machte und er gerade nicht allzu viel zu tun hatte. Von ihm lernte ich während der vielen Stunden Arbeit am Windkanal, aber auch in seinem Büro, quasi im Privatissimum, alles über Gebäude-Aerodynamik. Ich empfand und empfinde diese Lernzeit bis heute als grosses Geschenk. Ich bin ihm dankbar. Wir bauten die römische Arena mit Dach und städtischer Umgebung nach. Wir haben Dutzende von Messreihen durchgeführt. Eines Tages fragten wir uns, was passieren würde, wenn man das grosse Einfahrtstor der Arena, durch das einst die Wagenlenker mit ihren Vierspännern einritten, öffnen würde. Wir bauten das Tor aus dem Modell aus und setzten das Modell wieder in den Windkanal – und mussten miterleben, dass das Dach wegflog. Was tun? Offensichtlich baute sich im Innenraum der überdachten Fläche ein signifikanter, unerwartet hoher Überdruck auf.
Während einem meiner Flüge hatte ich beim Blick aus dem Fenster bemerkt, wie sich im Langsamflug Klappen im Flügel öffneten und so einen Luftstrom von unterhalb zu oberhalb des Flügels ermöglichten. Ich dachte: Das probiere ich bei der Arena auch. Also bauten wir hinter den Sitzrängen in den seitlichen Wandungen Pendelklappen ein, die an ihren oberen Kanten lediglich mit Scharnieren an der Unterkonstruktion befestigt und an ihren Unterkanten mit Metallprofilen ballastiert waren. Ohne Überdruck im Innenraum war die Fassade also geschlossen, bei einem inneren Überdruck wurde das Eigengewicht der Ballastierung überwunden wurde, und die Klappen öffneten sich – worauf der Überdruck im Innenraum wieder abnahm.
Man sieht den Sprung: vom Aerodynamik-Institut hin zum Flugzeugbau hin zum Bauwerk. Solche Sprünge und Transferprozesse kennzeichnen mein ganzes gestalterisches Schaffen. Ein ständiger Wunsch, die Dinge besser verstehen zu wollen. Das Suchen nach Lösungen in anderen Disziplinen. Der Gedanke: Das habe ich doch so ähnlich schon einmal gesehen, da muss ich nachhaken. Und so geht es immer weiter.
Sind dieser Effizienz, die Sie beschreiben, auch Grenzen gesetzt? Wir sprechen hier von
hochtechnischen Gebilden. Wie würde man das etwa machen, wenn man dies auf die
Nachhaltigkeit, die breite Masse oder den Globalen Süden übertragen will? Da fehlen oft
die technischen Möglichkeiten oder das entsprechende Know-how.
Völlig richtig. Die Projekte, die wir in den letzten Jahrzehnten entwickelten, haben die Grenzen des Machbaren verschoben. Sicher waren dies oft Hightech-Lösungen. Aber diese lassen sich irgendwann auch herunterbrechen. Am Anfang war ein Transistor so gross wie ein Daumen, heute haben wir Millionen davon auf einem Chip. Ähnlich verhält es sich im Leichtbau: Was vor 20 Jahren noch Hightech war, zum Beispiel Kohlefasern, ist heute Standard.
Als die Überdachung der Arena in Nîmes fertig war, habe ich mir die Frage gestellt: Du hast etwas gebaut, das so leicht und materialarm ist wie nie zuvor – aber wie viel Material ist eigentlich auf dem Weg von der Erdkruste bis zum Gebäude verloren gegangen? Und was passiert mit dem Material, wenn die Struktur rückgebaut wird?
Ich habe dann verschiedene Hersteller danach gefragt, wie hoch ihre Recyclingquoten sind. Die Angaben reichten von 3 bis 95 Prozent. Bei den hohen Zahlen schöpfte ich Verdacht, fragte nach und erhielt die Antwort: «durch thermische Verwertung.» Ein solches Verbrennen ist natürlich kein Recycling im Sinne einer Rückführung in den Stoffkreislauf.
Ich ging weiter zum nächsten Hersteller. «Wie recyclen Sie?» – «Wir verfüllen ehemalige Steinkohlewerke im Ruhrgebiet mit Bauschutt.» Das konnte ich kaum glauben! Das galt als Recycling?
So habe ich begonnen, mich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir bauen – und was wir dabei hinterlassen. Schnell wurde mir klar: Alle reden von Recycling, aber im Bauwesen passiert erstaunlich wenig. Für mich war das der Ausgangspunkt. Ein moralisches Fundament, auf dem ich mein Schaffen aufbauen wollte: eine wissenschaftlich fundierte Grundlage, die Verantwortung ermöglicht.
In meinem Büro realisieren wir Bauprojekte im Wert von mehreren Milliarden pro Jahr. Da kann und will ich nicht Gebäude planen, die letztlich Sondermüll darstellen – zumal mein Name mit diesen Bauwerken verbunden ist. Das geht nicht.
Es war evident: Wir müssen anders bauen. Materialarmes Bauen beherrschten wir bereits. Schritt für Schritt kamen das recyclinggerechte Bauen und später auch das Bauen mit Rezyklaten hinzu.
Architekten behaupten gerne: Langlebiges Bauen ist automatisch nachhaltiges Bauen. Warum reicht Ihnen diese Definition nicht? Weshalb haben Sie als einer der ersten zusätzlich auf Recyclinggerechtigkeit gesetzt?
Ich empfand solche Aussagen teilweise als Ausrede, denn die Umlaufzeit vieler Gebäude oder zumindest von Teilen davon ist endlich. Und dann? Ich prägte in diesem Kontext den Begriff der ephemeren Architektur. Die Gebäude, die ich verantworte, können einen Tag stehen oder Hunderte von Jahren. Wichtig ist einzig und allein, dass sie mit Anstand von der Erde gehen können. Das heisst, sie müssen vollständig in technische oder biologische Kreisläufe rückführbar sein. Es darf nichts übrigbleiben, was der Natur oder anderen Generationen ein Problem bereiten könnte. Diese Forderung an unser Schaffen habe ich zu Anfang der 1990er-Jahre aufgestellt. Sie ist Leitlinie.
Welche Projekte waren für Sie besonders prägend – und warum?
Spätestens mit der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls im Jahr 1997 rückte die Emissionsfrage ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit – und mir wurde klar: Wir setzen alle auf das falsche Pferd. Das Problem ist nicht die Energie, sondern es sind die Emissionen. Daraus entstand mein Konzept «Triple Zero»: Unsere Gebäude sollen weder bei Herstellung noch im Betrieb klimaschädliche Emissionen ausstossen, sie sollen bei der Herstellung keinen Abfall erzeugen, zu hundert Prozent rezyklierbar sein und vollständig auf verbrennungsbasierte Energie verzichten. Dann wollte ich mir privat ein Haus bauen und dachte: Jetzt muss ich das auch umsetzen. Das Haus R128 gewinnt deshalb die gesamte Energie, die es benötigt, aus nachhaltigen Quellen – und hat natürlich keinen Schornstein. Es ist emissionsfrei. Und es ist zu rund 95 Prozent rezyklierbar. Das war das erste wegweisende Projekt für mich.
Zwei weitere Häuser folgten im gleichen Sinne: das Plusenergiegebäude F87 in Berlin und das Aktivhaus B10 in Stuttgart. Damit war für mich die prinzipielle Fragestellung beantwortet, wie man masse-, abfall- und emissionsarm bauen kann. Denn Energie ist nicht das Problem, man muss sie nur emissionsfrei bereitstellen.
Je mehr ich über diese Art des experimentellen, nachhaltigen Bauens erfahre, desto mehr glaube ich, dass man auch anders denken muss.
Ja. Wir müssen weg von der Idee der Vollkasko-Gesellschaft. Aus vielen Gründen. Wenn sich jeder gegen alles versichert, dann sind Fehler nicht mehr zugelassen. Sonst klagt wieder jeder gegen jeden. Der Mensch ist aber ein fehlerbehaftetes Wesen. Das macht ihn zum Menschen. Zweitens ist diese Haltung ein Innovationshemmer par excellence. Keiner bewegt sich mehr jenseits dessen, was üblich ist, weil er sich ansonsten sofort vorwerfen lassen muss, er hätte die anerkannten Regeln der Baukunst verlassen. Dabei ist die neue Zielformulierung auf der ökologisch-technischen Ebene des Bauens klar benennbar. Wir brauchen ein Emissionsausstiegsszenario. Wir müssen festlegen, dass wir von heute bis 2045 die beim Bauen anfallenden Emissionen – sowohl graue Emissionen wie auch Emissionen in der Nutzungsphase – Jahr für Jahr um einen bestimmten Betrag reduzieren. Und dies wird nicht gehen ohne Innovation, Standardabsenkung, Verzicht und Experimente.
Was bedeutet das für den Gesetzgeber? Er muss eine Emissionsgebühr einführen: Wer mehr ausstösst, zahlt mehr. Und diese Gebühr muss so lange angepasst werden, bis die Emissionen tatsächlich sinken. Das Prinzip ist einfach – und über die Emissionen indirekt verknüpft mit der Bereitstellung verbrennungsbasierter Energie.
Der Gesetzgeber muss Standards absenken, und er muss Experimente zulassen. Dabei muss er stets Ziele vorgeben. Mehr nicht. Er muss für die Einhaltung der Ziele sorgen. Die Wege zum Ziel zu beschreiben, ist aber nicht seine Aufgabe. Würde er dies endlich erkennen und befolgen, dann könnten wir viele Vorschriften drastisch kürzen.
Ist das nicht genau die Gefahr der Effizienzdiskussion – dass wir den Energiebedarf konstant halten, gleichzeitig aber immer höheren Komfort ermöglichen?
Die Fokussierung auf Energieeffizienz löst unsere Probleme nicht.
Ist Effizienz überhaupt ein moralisch haltbares Konzept? Letztlich geht es doch um die Frage: Welche Bedürfnisse sind notwendig – und welche sind bloss Bequemlichkeit? Was müssen oder dürfen wir haben, und was nicht? An diesem Punkt verliert Effizienz ihre Bedeutung. Wie sehen Sie dies? Was ist die Rolle der Planenden?
Die Planenden müssen diesen notwendigen gesamtgesellschaftlichen Diskurs entzünden, da es Medien und Politik nicht schaffen. Oder nicht wollen.
Aber wie schafft man es, Dinge global zu verändern? Muss man nicht eigentlich eher versuchen, projektweise Schritt für Schritt jedes Mal das Richtige zu tun?
Die Erfahrung zeigt, dass auf diese Weise zu wenig Leute erreicht werden, im Wesentlichen nur die Projektbeteiligten. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Prozess der Bewusstseinsbildung und der Diskussion über die übergeordneten Ziele, die wir gemeinsam als Gesellschaft verfolgen wollen. Parteien, Gewerkschaften und die Kirchen sind meines Erachtens nicht mehr glaubwürdig genug, um als Organisatoren dieser Bewusstmachungsprozesse akzeptiert zu werden. Da im Bauwesen der grösste Hebel besteht, wenn es um Ressourcen, Abfall, Energie oder Emissionen geht, erleben wir vielleicht demnächst die Stunde der Architekten, Städteplanerinnen und Landschaftsarchitekten.
Wenn ich an den Erfolg des Leichtbaus denke: Er entstand aus einer fast esoterischen Bewegung, die sich für Spinnennetze interessierte – und daraus wurde dann ein Olympiastadiondach oder eine vorgespannte Decke. Könnte man heute nicht auf ähnliche Weise Erfolg haben?
Wenn die Menschen unsere Experimentalbauten wie R128 oder UMAR sehen, sagen sie fast automatisch: «Das ist fantastisch, das ist atemberaubend, es ist schön.» Wenn wir im Einklang mit der Natur bauen, verstehen die Menschen dies intuitiv und schätzen es.
Bauen im Einklang mit der Natur, das muss unser aller Ziel sein.
Wenn wir Planende diese Rolle einnehmen sollen, solche Diskussionen anzuregen, dann brauchen wir Begrifflichkeiten, die die Menschen verstehen.
Genau. Die Kommunikation gegenüber der allgemeinen Bevölkerung muss verständlich sein und zugleich emotional wirken. Sie muss etwas transportieren, das mich mitnimmt, das ich nicht einfach zur Seite wischen kann.
Fällt es uns schwer, an Fragestellung anzuknüpfen wie: Wie nehmen wir uns zurück? Wie bauen wir weniger oder eben nicht mehr?
Wir reden hier über Begriffe – und über das Wissen, das erforderlich ist, um Dinge überhaupt erklären zu können. Seit Kyoto ist klar: Es geht um Emissionen. Was aber resultiert daraus?
Die EU hat vor mehr als 20 Jahren eine Verordnung erlassen, welche die Mitgliedstaaten verpflichtete, ein Emissionseinspargesetz vorzulegen. Die deutsche Bundesregierung war damals offensichtlich der Meinung: Wenn wir Energie sparen, sparen wir automatisch auch Emissionen – also brauchen wir kein spezielles Emissionsgesetz. Und so machten sie erst einmal nichts. Österreich hingegen verabschiedete ein Gebäudeemissionsgesetz mit einer Testphase von zehn Jahren. Als diese Phase in Österreich vorbei war, hatte die Regierung von Frau Merkel in Deutschland noch nicht einmal einen Entwurf vorgelegt. Man sass das Thema wieder einmal aus – bis Androhungen aus Brüssel kamen.
Dann machte man einen grossen Fehler: Man setzte eine Erhöhung der Energieeffizienz mit einer Reduktion der Emissionen gleich. Das stimmt aber nur teilweise, denn die Steigerung der Energieeffizienz mit baulichen Massnahmen ist mit einer Erhöhung der grauen Emissionen verbunden. Die grauen Emissionen blieben aber völlig unberücksichtigt. Man betrachtete lediglich den Wohnungssektor und dort nur die verbrennungsbasierte Energie. Sträflich – denn Heiz- und Warmwasserbereitstellung machen zwar rund 60 Prozent der Emissionen im Sektor Gebäude aus, die grauen Emissionen stehen aber immerhin für 40 Prozent. Das ist keine Kleinigkeit. Trotzdem hat man sie nicht beachtet.
Natürlich kann man den Energieverbrauch in der Nutzungsphase senken und dann von Effizienz sprechen. Wir kennen aber alle den Zusammenhang zwischen Effizienzsteigerung und Kosten. Und wir wissen, dass ein sehr hoher Effizienzstandard insbesondere bei Bestandsbauten überproportional teuer ist. So belaufen sich die Vollkosten der energetischen Sanierung des Bestands in Deutschland – nach den Anforderungen des Energieeinspargesetzes – auf rund 5200 Milliarden Euro. Oder rund 63 000 Euro pro Bürgerin oder Bürger. Wer soll das finanzieren? Wenn wir Zinseffekte der Einfachheit halber aussen vorlassen, dann entsprechen 63 000 Euro einer Mietsteigerung von 250 Euro pro Bewohner über 20 Jahre. Für eine dreiköpfige Familie macht das 750 Euro pro Monat. Wir benötigen also eine vollkommen andere Herangehensweise – vielleicht in der von mir schon seit Längerem vorgeschlagenen Form: Der Grad der energetischen Sanierung bleibt jedem selbst überlassen. Der Staat regelt lediglich die Emissionen über eine Brennstoffbesteuerung, die sich an den getätigten Emissionen ausrichtet.
Oder gar nicht mehr bauen?
Das mit dem Bauen oder nicht Bauen ist so eine Sache. Man könnte verkünden: Ich baue nicht mehr. Aber das können wir den Menschen im Globalen Süden, die sich ein Habitat oder beispielsweise eine Kläranlage bauen wollen, doch nicht ernsthaft sagen. Das wäre eine postkoloniale Anmassung. Ausserdem geht es nicht darum, ob man baut oder nicht. Oder ob man mit Ziegeln baut, mit Beton, mit Holz oder mit Plastikabfall. Sondern es geht darum, was man damit verursacht: Flächenverbrauch, Versiegelung, Emissionen, Müll.
Das sind vier messbare, ökologisch-technische Kriterien. Diese kann man anwenden – und so feststellen, ob etwas sinnvoll ist oder eben nicht. Natürlich ist es richtig, dass in einer tragenden Betonkonstruktion bereits viel graue Emission steckt. Das heisst aber nicht, dass man diese Konstruktion nicht zurückbauen und rezyklieren kann. Entscheidend ist, wie viele Emissionen dabei entstehen und wie viele Ressourcen man dabei verbraucht.
Flexibilität wäre auch ein Stichwort. Dass ich Gebäude umnutzen kann.
Eine Umnutzung zu planen, setzt voraus, dass ich heute weiss, was morgen richtig ist. Das ist kaum möglich. Trotzdem ist Umnutzung eine grosse Chance, denn bei einem Ein-Wohnen in andere Gehäuse ergeben sich neben den vielen Zwängen auch neue Perspektiven. Ich möchte aber nochmals über unsere Zielformulierung sprechen. Die Entscheidung, ob ich etwas tue oder nicht, war bisher stark durch finanzielle Überlegungen geprägt. Künftig muss diese Entscheidung durch ein ökologisches Mandat geprägt sein. Und nun kommen wir auf einen fundamentalen Zielkonflikt zu sprechen: Ich erfülle entweder das finanzielle Ziel oder das ökologische – oder ich erfülle beide nur bedingt. Angesichts dieses nicht aufzulösenden Zielkonflikts sollten wir uns eingestehen, dass wir eine neue Zielformulierung brauchen, und die heisst: Bauen im Einklang mit der Natur.
Für mich stellt sich die Frage: Wie schaffen wir das? Ich glaube, dass die Gesetzgebung hier eine ähnliche Rolle spielen wird wie bei den Autos, die plötzlich zu 80 Prozent rezyklierbar waren, nachdem eine entsprechende Richtlinie eingeführt worden war.
Dann wären wir Bürgerinnen und Bürger, die unter einem Diktat leben. Nietzsche spricht von drei Stufen des Menschseins. Die allerunterste Stufe könnte man überschreiben mit «ich soll». Die mittlere Stufe heisst «ich will». Und die oberste Stufe heisst «ich bin». Diese höchste Stufe des Glücks sollten wir anstreben: ich bin. Als mündige Bürgerinnen und Bürger, die sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Bei allem, was sie tun – insbesondere, wenn es um das Bauen geht.
Deshalb warne ich auch vor der anhaltenden Regelungswut der Behörden, die uns in kafkaesker Art und Weise in eine Situation bringt, die wir nicht mehr verstehen. Bei heute 20 000 Regelungen im Bauwesen – also vier Mal mehr als im Jahr 2000 – kann mir niemand erzählen, dass er noch den Überblick hat.
Wir müssen weg von diesem Vollkasko-Denken, wir müssen weg von der Aufstellung von Anforderungskatalogen wie dem Gebäudeenergiegesetz. Unsere Gesellschaft muss endlich Ziele formulieren.
Kontakt
Christine Dietrich
christine.dietrich@holcim.com
Was heisst das konkret?
Wir haben den Zusammenhang zwischen Energie, Emissionen, Ressourcen und Abfall verstanden und entsprechende Lösungen entwickelt. Nun sollten wir uns auf das recyclinggerechte Bauen und das Bauen mit Rezyklaten konzentrieren.
Wenn wir über recyclinggerechtes Bauen sprechen, können wir das sowohl auf der Ebene der Bauteile als auch auf der Ebene des gesamten Gebäudes diskutieren. Auf der Bauteilebene habe ich 1992 den Begriff der Bauweise eingeführt, der aus dem Automobil- und Flugzeugbau stammt.
Dort weiss man von vornherein: Wenn ich das Bauteil so und so zusammensetze, dann habe ich habe später kein Recyclingproblem.
Dann stellt sich die Frage, wie dokumentiere ich, was ich gemacht habe, damit man in 50 Jahren noch weiss, welche Baufirma welches Material wie eingesetzt hat.
Und zum Schluss sind wir auf der Ebene des Gebäudes, bestehend aus einer Reihe von Bauteilen. Hier besteht die Aufgabe darin, die Bauteile so zu planen, dass sie wieder einfach entnommen werden können. Ich spreche hier gerne vom Dekomponieren: Die Bauteile müssen als solche erkennbar sein, die Verbindungsmittel müssen identifizierbar bleiben.
Das Ganze mündet in einen Zielkatalog: Bauen als Produktionsversuch menschlicher Heimat ist nur noch zulässig, wenn er im Einklang mit der Natur erfolgt und dabei die Interessen heutiger wie künftiger Generationen wahrt.
Also müsste man eigentlich bei Gebäuden immer die Verbindungen dokumentieren und auch eine Anleitung des Auseinandernehmens bereitstellen.
Das ist relativ einfach. Im Automobilbereich sind solche Dokumentationen bereits gang und gäbe, bei Gebäuden nicht. Man schaut sich ein viele Jahre altes Bauteil an – und hat keine Ahnung, woraus es besteht, wer der Hersteller ist und was die Vorgaben für den Rückbau sind. Das ändert sich zwar langsam. Aber wir sind noch sehr weit von den Standards der Automobilindustrie entfernt.
Natürlich kann man sagen, dass das Bauwesen komplexer ist als der Automobilbau. Dort gibt es Serienprodukte, und man weiss stets, wer der Hersteller war. Im Bauwesen kann es aber sein, dass die Baufirma ein anderes Bauteil einbaut, als ursprünglich geplant war. Das bedeutet: Die Dokumentation der Planung allein nützt nichts. Wir benötigen eine «As built»-Dokumentation. Das heisst, wir müssen entweder sicherstellen, dass die Planung exakt umgesetzt wird, oder am Ende des Bauvorgangs einen zweiten Prozess einführen, der Abweichungen von der Planung erfasst und dokumentiert. So entsteht ein vollständiges «As built»-Dokument, das die Grundlage für Design for Disassembly sowie die Wiederverwendung oder Wiederverwertung des Gebäudes bildet.
Architektinnen und Architekten entwerfen meist nicht mit der Vorstellung, wie etwas hergestellt oder später wieder auseinander gebaut wird.
Bei der Konzeption eines Raumes oder eines Gebäudes ist das Konstruieren und das Zusammenfügen der Struktur häufig ein nachgeordneter Prozess. Ich glaube, dass der Gedanke des Design for Disassembly nicht zwingend Bestandteil des ersten Strichs sein muss, wenn man gestalterisch eine Idee entwickelt.
Das ist beruhigend zu wissen und dürfte vielen Architektinnen und Architekten – und vielleicht auch Bauherren – die Angst davor nehmen, das Design for Disassembly anzugehen.
Den Bauherren wird es recht sein. Denn es ist ja nicht nur ökologisch vorteilhaft, sondern kann auch ökonomische Vorteile bringen. Wir haben zum Beispiel eine Fassade entwickelt, bei der die Büroräume bis auf eine sehr kurze Unterbrechung weiter genutzt werden können, während die Fassade ausgetauscht wird.
Zum Schluss vielleicht noch drei Gedankenanstösse, wie wir die Welt nachhaltiger gestaltet könnten.
Der erste Gedankenanstoss ist, dass Bauen künftig ein Bauen im Einklang mit der Natur seinmuss.
Der zweite ist die Erkenntnis, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein atmosphärenschädliches Verhalten keine auf den Verursacher beschränkte Tat mehr ist. Sie betrifft alle anderen Menschen gleichermassen. Ich sage: Dein Tun berührt mein Sein. Der dritte ist die voraussetzungslose Wertschätzung des anderen als eines Menschen von gleicher Würde.
Das von Werner Sobek entworfene Projekt R128 ist vollständig demontierbar und rezyklierbar, wodurch der Abfall deutlich reduziert wird, wenn das Gebäude das Ende seines Nutzungszyklus erreicht hat.
Bilder: © Zooey Braun.
